Interview mit Karl Held

Das folgende Interview ist irgendwann nach der Auflösung der Marxistischen Gruppe 1991 geführt worden. Wo es ursprünglich veröffentlicht wurde, ist mir nicht bekannt. Es hat eventuell mit einer Website namens The Great Gate zu tun.

Otteneder/Kessen: Welche Beziehungen gibt es zwischen der alten Marxistischen Gruppe (MG) und der neuen Zeitschrift “Gegenstandpunkt”?

Karl Held: Die MG ist zu. Es gibt keine Organisation mehr. “Gegenstandpunkt” ist eine Neugründung. Das einzige, was an Kontinuität existiert, sind die Gedanken derer, die die Zeitschrift machen.

Otteneder/Kessen: Übrig geblieben von der Marxistischen Gruppe ist also lediglich eine fünf bis sieben Mann starke Zeitschriften-Redaktion?

Held: Die personelle Identität und die Identität der theoretischen Auffassungen. Sonst nichts.

Otteneder/Kessen: Wie läßt sich die Position der Zeitschrift charakterisieren? Welche Ziele gibt es, wogegen wird gekämpft?

Held: Dieser Zeitschrift eine Tätigkeit namens Kampf zu attestieren, ist wirklich sehr übertrieben. Die Zeitschrift ist am besten mit dem Satz umschrieben: Sie klärt auf. Für den, der sie noch nicht gelesen hat, wäre es nicht einmal hilfreich zu sagen, es werde dort von einer orthodoxen, marxistischen Position aus argumentiert. Weil es dann passieren kann, daß der, der das gehört hat, diese Position noch nicht einmal wieder erkennt. Aber nicht, weil da irgend etwas verklausuliert wird, sondern weil mit solchen Etiketten wie orthodoxer Marxismus Dinge verbunden sind, die mit uns ohnehin nie etwas zu tun gehabt haben.
Also es geht um Aufklärung in dem schlichten Sinn. Wenn in der Zeitung steht: Der Kanzler hat Probleme, dann steht bei uns: Welche bereitet er denn mit welchen Entscheidungen? Wenn in der Zeitung steht: Industrienationen treffen sich in München und einigen sich oder einigen sich nicht, steht halt bei uns was anderes drin. Nämlich erstens mal nicht Industrienationen, sondern imperialistische Nationen, also solche, die von Geld und Gewalt leben — übrigens etwas durchaus Bekanntes. Nur bei uns steht‘s halt dann auch dort.

Otteneder/Kessen: In welcher Auflage erscheint der “Gegenstandpunkt?”

Held: An die 7000.

Otteneder/Kessen: Und die gehen restlos weg?

Held: Ziemlich,ja.

Otteneder/Kessen: Habt ihr schon Resonanz?

Held: Post gibt es. Ja.

Otteneder/Kessen: Was steht da drin?

Held: Ganz verschiedenes Zeug. Manche verstehen etwas nicht und wollen es genauer erklärt haben. Da ist die Vermutung, daß es welche sind, die zu uns gehören. Andere sagen: Da habt ihr euch vertan. Wir gehen darauf auch mal ein. Das ist klar.

Otteneder/Kessen: Was macht ein Marxist, wenn er einsehen muß, daß die von ihm aufgestellte Kritik an den Verhältnissen im Wesentlichen nur mehr als hermetische Form des Kommentars über die Verhältnisse aufgefaßt wird?

Held: Dann ärgert er sich. Aber er hört nicht auf.

Otteneder/Kessen: Und wie reagiert er?

Held: Eben so.

Otteneder/Kessen: Durch Ärgern und indem er eine geradezu klassische, bürgerliche Zeitschrift zur Politik herausgibt?

Held: Ob die klassisch ist?

Otteneder/Kessen: Wenn sie, wie du gesagt hast, statt der Position des Kanzlers und seiner Probleme eine kritische Gegenposition formuliert, bringt sie eine von der Staatsregierung abweichende Meinung zum Ausdruck. Und das ist es doch, was als die klassische Funktion einer bürgerlichen Zeitschrift im politischen Diskurs gilt?

Held: Also erstmal ist das nicht der klassische Diskurs. Der geht ganz anders. Der geht viel eingleisiger, dieser klassische Diskurs, von dem der Habermas ein Bild entwirft.
Es ist bei uns eine Gegenposition mitgeteilt. Also schon auch auf Akzeptanz berechnet. Man druckt nicht etwas, damit nichts gelesen wird, sondern schon damit Leute, die des Lesens noch kundig sind, sich darüber hermachen und sagen: Da haben sie recht. Man kann sogar so weit gehen. Ganz zu übersehen ist der Wille, daß vielleicht irgendwer wieder einmal praktische Konsequenzen aus dem Mitgeteilten zieht, ja auch nicht. Sonst würden wir doch nichts mitteilen.

Otteneder/Kessen: Das klingt nach dem berühmten Rufer in der Wüste.

Held: Das sind schon wieder solche Bilder. Rufer in der Wüste waren wir nie und wollen es auch nie sein. Denn erstens sehen wir keine Wüste und zweitens sind wir keine Rufer. Wir sind schon Leute, die auf einem immerhin bestehen — das kann man auch noch als die vorhin gefragte Kontinuität zur alten MG betrachten — nämlich auf einer Auffassung zu dem, was die maßgeblichen Größen der Bundesrepublik und ihre maßgeblichen Herrschaften so treiben. Die ist schon dadurch desavouiert, daß sie abweichend ist und nur von einer Minderheit kommt. Auf dieses saudumme, aber eingefahrene Dogma, daß der Erfolg tatsächlich auch noch dem theoretisch, auffassungsmäßig Recht gibt, der Erfolg hat, lassen wir uns auch jetzt nicht ein.
Und zurück zu der Bezeichnung “bürgerliche Zeitschrift”. Das ist für uns kein Etikett für den Stil. Ob also das Papier weiß ist oder ob die Buchstaben wie in der “taz” aussehen, ist nicht das Kriterium für bürgerlich. Du wirst kaum in einer von uns als bürgerlich etikettierten Öffentlichkeit zu politischen Ereignissen eine Stellungnahme antreffen, die nicht das, was passiert einerseits auch durchaus in aller Brutalität berichtet, es dann aber vom Standpunkt demokratischer Ideale aus beurteilt und so zu lauter Urteilen kommt, die eigentlich nur darauf zielen, ob ich mein Ideal von dem was eigentlich passieren soll, in diesem Ereignis erfüllt sehe. Das ist eine durch und durch konstruktive Sichtweise, die die Realität verfälscht.
Man kann zum Beispiel den Münchner Weltwirtschaftsgipfel so kommentieren: Da ist ja nichts rausgekommen. Aber was für ein Maßstab wird da angelegt? Daß auf dem Gipfel die Welt gewissermaßen in Ordnung gebracht werden würde. Ist das aber überhaupt das Anliegen dieses Gipfels gewesen? Wenn man es danach bemißt, verfehlt man das, was auf dem Gipfel passiert ist.
Oder man kann sagen: Greift denn die Hilfe in Jugoslawien? Das ist übrigens heutzutage eine Fragestellung, die geht schon einher mit dem Ruf: Damit die Hilfe greift, müssen Waffen dorthin; damit dort richtig geholfen werden kann, müssen unsere Soldaten aufräumen. Das ist eine Betrachtungsweise, die sich von vorne herein nicht für die Frage interessiert, in welchem Interesse sich die Deutschen seit einem Jahr in Jugoslawien einmischen. Ist denn überhaupt Hilfe ein richtiger Gesichtspunkt für die Sorte imperialistischer Machterweiterung, die die BRD dort betreibt?

Otteneder/Kessen: Das Etikett bürgerlich bezog sich nicht auf die programmatischen Prämissen oder politischen Inhalte der Zeitschrift, sondern auf das Auftreten und Wirken derer, die sie herstellen, herausgeben und die Artikel verantworten. Nachdem mit der MG eine konkrete Organisationsform aufgelöst ist, als deren öffentliches Organ Zeitschriften wirken konnten, stellt sich die Frage, ob die Feststellung, daß es nun außer der Zeitschrift, außer der theoretischen Auffassung, die sie manifestiert, kein genuines Gruppen-Interesse mehr gibt, welches sie bedient, irgendetwas an der Form der Zeitschrift verändert. Zieht ihr als Redakteure Konsequenzen aus dieser Lage? Habt ihr vor, bestimmte Korrekturen in Form, Inhalt und Darstellungsweise des “Gegendstandpunktes” vorzunehmen?

Held: Rückblickend müssen wir sagen: Alle Fehler, die wir gemacht haben, haben wir bereinigt. Wenn einmal eine Nummer herausgekommen ist und wir festgestellt haben, daß die Argumente schief sind, die Art und Weise der Darstellung nicht paßt, nicht stimmt, dann haben wir sie korrigiert. Rückblickend sind keine Fehler zu beklagen. Taktisch sind wir nie vorgegangen.

Otteneder/Kessen: Für ihre Größe hatte die MG ziemlich viele publizistische Organe. Das ging von den theoretischen Abhandlungen, erschienen im Resultate Verlag, über die MSZ, MAZ, den jeweils aktuellen Argumente-Flugblättern bis hin zu einer Zeitung für Schüler. Jetzt gibt es statt der MG eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, eben den “Gegenstandpunkt”. Habt ihr vor, dazu noch andere Zeitungen zu machen?

Held: Nein. Bücher werden wir noch herausgeben.

Otteneder/Kessen: Was ist Kritik?

Held: Zu sagen: Etwas geht nicht in Ordnung. Da gibt es zweierlei: Kritik theoretisch, d.h. zu sagen, hier ist die Erklärung, das ist Grund und Zweck der Sache, über die ich nachdenke. Jetzt weiß ich es. Und weil ich es weiß, bin ich nicht damit einverstanden. Ich messe das Gewußte an meinem Interesse. Es ist klar, daß darin immer der Anspruch liegt:
Ich möchte das verändern. Der Übergang zur Praxis ist also immer drin. Daß er bei uns zur Zeit nicht drin ist, kommt aus der verfickten Situation. Wir veröffentlichen theoretische Kritik und sagen gleichzeitig dazu: Unternehmungen, diese Kritik umzusetzen, finden von unserer Seite gegenwärtig nicht mehr statt. Das ist ein Widerspruch. Der ist so offenkundig wie nur was.

Otteneder/Kessen: Hat es Sinn; sich Fragen über theoretische Entwicklungen zu stellen, wie das beispielsweise Robert Kurz getan hat? Eure Grundlage auch der theoretischen Kritik an den bestehenden Zuständen war und ist immer auf die gegebenen Notwendigkeiten bezogen. Kein Gedanke also über Fortschritt oder Krise der marxistischen Kritik, sondern ausschließlich über konkrete Schritte und das, was schon passiert ist?

Held: Nur die. — Aber… Ja, was ich dir jetzt sage, ist sehr billig. Aber nimm‘ das mal einen Moment lang im Rahmen deiner Fragerei ernst. Wenn morgen — was ja in der Geschichte schonmal vorgekommen sein soll — sich ein paar tausend Leute dieser Exportnation und ihren großartigen Exportbedingungen verweigern und sagen, unter diesen Bedingungen wollen wir nicht mehr arbeiten und leben; der Staat knappst uns ab; wir sollen uns schinden, wir werden krank, wir haben‘s an der Wirbelsäule, wir haben‘s sonst wo und auch die Luft ist als Lebensmittel für uns und unsere Kinder nichts mehr wert — aus. Das machen wir nicht mehr mit! Und die stellen sich auf und sagen zur Regierung: Weg mit euch! Wir beschließen ab sofort selber, wie hier gearbeitet und gelebt wird. Da streiten wir uns auch mal darüber; da fliegen auch schon mal die Fetzen und so weiter, das ist halt Revolution. Dann – und das ist der Witz – könnte niemand mehr sagen, weder der Robert Kurz, noch sonst wer: Ach die Zeiten sind vorbei, Arbeiterbewegung bäh, Marxismuskrise.
Umgedreht heißt der blöde Gedanke, den ich dir nahe bringen will: Die Linken sind lauter Opportunisten dessen, daß keine Arbeiterbewegung in Gang ist.
Und jetzt sage ich: Ärgern tut mich, daß sie nicht in Gang ist. Aber wenn sie nicht in Gang ist, heißt das doch nicht, daß sie deswegen das Verkehrteste und Überflüssigste von der Welt wäre. Sie ist doch gerade das Notwendigste. Gerade für die Burschen wie den Robert Kurz. Das ist der Unterschied zwischen uns und denen — nenn‘ es, wenn du willst — im praktischen Standpunkt. Wir müssen passen. Wir haben unsere Begründung abgeliefert, damals als MG. Jetzt sind wir eine verfickte, blöde, theoretische Zeitschrift. Aber daß wir auch noch den theoretischen Standpunkt der Zeit akkommodieren und sagen, alles wäre ganz anders als wie wir es uns denken – dafür haben wir keinen Grund.


0 Antworten auf „Interview mit Karl Held“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sieben × = sieben